In Europa werden 80 Prozent aller Langzeitpflege nicht von professionellen Pflegekräften erbracht, sondern von Familienangehörigen — unbezahlt, oft unvorbereitet und zunehmend überfordert. Eine aktuelle Studie in The Lancet Regional Health – Europe prognostiziert: Die informelle Pflegelast in Europa wird bis 2050 um 50 Prozent steigen. Was das für Millionen Familien bedeutet — und warum professionelle Hilfe dringender denn je gebraucht wird.
Die Mikrosimulationsstudie, die 31 europäische Länder umfasst, berechnet die Pflegelast in „Years Lived Caregiving“ (YLC) — einer Maßeinheit für die Lebenszeit, die mit informeller Pflege verbracht wird. Das Ergebnis: Von 7,98 Millionen YLC im Jahr 2000 wird die Last auf 11,9 Millionen YLC im Jahr 2050 steigen — ein Anstieg von 21,3 auf 31,0 YLC pro 1.000 Einwohner.
Besonders stark betroffen sind osteuropäische Länder, wo institutionelle Pflegeangebote weniger ausgebaut sind und Familien den Großteil der Betreuung übernehmen.
In Deutschland gibt es schätzungsweise 4,7 Millionen pflegende Angehörige. Viele von ihnen pflegen neben dem Beruf, oft ohne ausreichende Unterstützung. Die Folgen sind gravierend: Studien zeigen, dass ein Drittel aller pflegenden Angehörigen unter Depressionen leidet, 35 Prozent unter Angstzuständen und fast die Hälfte von einer übermäßigen Belastung berichtet.
Das geplante Familienpflegegeld — eine Lohnersatzleistung nach dem Vorbild des Elterngeldes — könnte Erleichterung bringen, ist aber noch nicht beschlossen. Viele Familien fühlen sich mit der Pflegeverantwortung allein gelassen.
In Österreich leisten rund 950.000 Menschen informelle Pflege — überwiegend Frauen. Die Schweiz verzeichnet ähnliche Zahlen. In beiden Ländern gibt es zwar finanzielle Unterstützungsleistungen, doch die emotionale und physische Belastung wird oft unterschätzt. Die WHO-Studie zu Telemedizin in der Demenzpflege zeigt, dass digitale Hilfsmittel die Belastung reduzieren können — aber sie ersetzen keine menschliche Entlastung.
In Polen ist die familiäre Pflege tief in der Kultur verwurzelt — nur 3,5 Prozent der Senioren nutzen institutionelle Pflege. Das bedeutet: Die überwältigende Mehrheit wird von Angehörigen zu Hause versorgt. Der wachsende polnische Pflegemarkt reagiert langsam, doch professionelle Unterstützung bleibt für viele Familien finanziell unerreichbar.
Ein besonderes Phänomen: Viele polnische Pflegekräfte arbeiten als Live-in-Betreuerinnen in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern — und fehlen dann zu Hause für die Versorgung der eigenen Eltern.
Die Studie prognostiziert für Osteuropa den stärksten Anstieg der informellen Pflegelast pro Kopf. In Tschechien und der Slowakei ist die institutionelle Pflege weniger entwickelt als in Westeuropa, wodurch Familien stärker belastet werden. In der Ukraine verschärft der Krieg die Situation zusätzlich — ältere Menschen, die zurückgeblieben sind, werden oft von einem einzigen Angehörigen betreut, der selbst am Limit ist.
Über 60 Prozent aller informellen Pflegenden in Europa sind Frauen. Sie reduzieren häufiger ihre Arbeitszeit oder geben ihren Beruf ganz auf, was langfristige finanzielle Folgen hat — niedrigere Renten, höheres Armutsrisiko im Alter. Die Geschlechterungleichheit in der Pflege ist einer der am meisten unterschätzten Faktoren der sozialen Ungleichheit in Europa.
Die Lösung liegt nicht in einem Entweder-oder, sondern in einem Sowohl-als-auch: Familiäre und professionelle Pflege müssen Hand in Hand gehen. Genau das ist die Mission von OPK.CARE: Wir vermitteln qualifizierte Pflegekräfte aus Osteuropa an Pflegeeinrichtungen und Familien in Deutschland, Österreich und der Schweiz — damit pflegende Angehörige die Unterstützung bekommen, die sie verdienen.
Pflegende Angehörige sind das unsichtbare Rückgrat des europäischen Gesundheitssystems. Ihr Einsatz spart den Gesundheitssystemen geschätzte 2,5 Prozent des EU-BIP. Doch ohne bessere Unterstützung — finanziell, emotional und professionell — droht ihnen selbst das Ausbrennen. Europa muss jetzt handeln.
Quellen: The Lancet Regional Health — Europe (2025), Eurocarers, ScienceDirect — Umbrella Review Caregiver Mental Health
März 18, 2026