Bei der Deinstitutionalisierung geht es nicht nur um den Umbau von Gebäuden – es geht um das Recht auf Selbstbestimmung.

Deinstitutionalisierung bedeutet nicht nur einen Gebäudewechsel – über das Recht, über sich selbst zu entscheiden

These: Wahre Reform beginnt beim Menschen

Eine echte Reform des Sozialsystems besteht nicht nur darin, Menschen aus großen Pflegeeinrichtungen in kleinere Häuser zu verlegen. Ihr Kern sollte darin liegen, den Menschen die Kontrolle über ihr eigenes Leben zurückzugeben. Deinstitutionalisierung ist vor allem ein Wandel im Denken – ein Übergang von strukturorientierter Betreuung zu Unterstützung, die auf Freiheit, Wahlmöglichkeiten und Würde basiert.

Die Falle der „kleinen Einrichtungen“

In Polen wird der Prozess der Deinstitutionalisierung häufig darauf reduziert, große Pflegeheime zu schließen und kleinere Einrichtungen für 10–12 Personen zu eröffnen. Auf den ersten Blick scheint dies ein Schritt in die richtige Richtung zu sein – weniger Bewohner, moderne Gebäude, eine familiärere Atmosphäre. Doch eine Veränderung der Größe bedeutet noch keine systemische Veränderung.

Bedeutet kleiner wirklich besser?

Eine geringere Bewohnerzahl geht nicht immer mit mehr Selbstständigkeit einher. Wenn die Regeln dieselben bleiben und Entscheidungen weiterhin vom Personal getroffen werden, handelt es sich in der Praxis um dieselbe Institution – nur in kleinerem Format.

Mangel an Privatsphäre und Einfluss auf den Alltag

Laut Studien und Einschätzungen von Experten wie Prof. Jan Siska und Prof. Julie Beadle-Brown funktionieren viele kleinere Einrichtungen weiterhin nach institutionellen Prinzipien. Das bedeutet eingeschränkte Privatsphäre, starre Tagesabläufe und nur begrenzten Einfluss der Bewohner auf Entscheidungen, die ihr eigenes Leben betreffen.

Leben nach einem festen Schema

In solchen Einrichtungen verläuft der Alltag oft nach einem vorgegebenen Plan – feste Zeiten für Mahlzeiten, Schlaf und Aktivitäten. Die Bewohner können nicht immer selbst entscheiden, wann sie aufstehen, was sie essen oder mit wem sie ihre Zeit verbringen möchten. Dadurch bleibt trotz veränderter Umgebung das Gefühl der Abhängigkeit bestehen.

Die Definition von Freiheit im Alltag

Wahre Unabhängigkeit hängt nicht vom Wohnort ab, sondern von der Möglichkeit, tägliche Entscheidungen selbst zu treffen. Freiheit beginnt mit einfachen Dingen – zu entscheiden, wann man aufsteht, was man isst, wie man den Tag verbringt und mit wem man Beziehungen pflegt.

Kleine Entscheidungen, große Bedeutung

Gerade diese alltäglichen Entscheidungen schaffen ein Gefühl von Selbstbestimmung und Würde. Wenn Menschen Einfluss auf ihr eigenes Leben haben, wachsen ihr Sicherheitsgefühl, ihr Selbstwert und ihr Gefühl der Zugehörigkeit zur Gesellschaft. Ohne diese Elemente kann selbst die modernste Einrichtung kein echtes Zuhause ersetzen.

Isolation statt Gemeinschaft

Eine der größten Herausforderungen bleibt der fehlende Zugang zu persönlicher Assistenz. Ohne angemessene Unterstützung bleiben Menschen mit Behinderungen weiterhin von der Gemeinschaft, dem Arbeitsmarkt und dem sozialen Leben abgeschnitten – selbst wenn sie in modernen Gebäuden wohnen.

Moderne Mauern garantieren keine Integration

Allein eine Veränderung der Infrastruktur reicht nicht aus, um Bedingungen für ein selbstständiges Leben zu schaffen. Notwendig sind echte Lösungen, die Integration fördern: Zugang zu Dienstleistungen, Unterstützung durch persönliche Assistenten sowie die Möglichkeit, aktiv am Leben der lokalen Gemeinschaft teilzunehmen.

Der Weg zu echter Veränderung

Deinstitutionalisierung sollte den Übergang von Betreuung zu Unterstützung bedeuten – von Kontrolle zu Vertrauen. Erst dann kann ein System entstehen, in dem jeder Mensch das Recht hat, über sich selbst zu entscheiden und wirklich unabhängig zu leben.

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