In den vergangenen Jahren hat Polen erhebliche EU-Mittel erhalten, die für die Modernisierung des sozialen Unterstützungssystems und die Verbesserung der Lebensqualität von pflegebedürftigen und behinderten Menschen vorgesehen waren. Ziel dieser Förderungen war es, den Übergang von institutioneller Betreuung hin zu gemeindenahen, modernen Unterstützungsformen zu ermöglichen. Dennoch mehren sich kritische Stimmen, die darauf hinweisen, dass ein großer Teil dieser Mittel nicht dort ankommt, wo sie den größten Unterschied machen würden – im Alltag der betroffenen Menschen.
Statt Selbstbestimmung, soziale Teilhabe und unabhängiges Leben zu fördern, werden Milliardenbeträge in die Renovierung und Modernisierung bestehender Einrichtungen investiert. Dies wirft die grundlegende Frage auf, ob es tatsächlich um eine Systemveränderung geht – oder lediglich um die optische Modernisierung eines überholten Modells.
EU-Fördermittel sollten den Prozess der Deinstitutionalisierung unterstützen. Das bedeutet: weg von großen Pflegeeinrichtungen, hin zu individuellen Unterstützungsangeboten im eigenen Zuhause oder in kleinen, gemeindenahen Wohnformen. In der Praxis jedoch wird weiterhin stark in bestehende institutionelle Strukturen investiert.
Neue Fenster, renovierte Zimmer oder moderne Ausstattung verbessern zwar die Infrastruktur, verändern jedoch nicht das grundlegende Betreuungskonzept. Menschen bleiben weiterhin in institutionellen Strukturen, oft getrennt vom gesellschaftlichen Leben und mit eingeschränkter Entscheidungsfreiheit über ihren Alltag.
Eine echte Reform müsste darauf abzielen, individuelle Unterstützung zu finanzieren, die ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Die Modernisierung von Mauern ersetzt keine strukturelle Veränderung des Systems.
Ein zentrales Element moderner Sozialpolitik ist die persönliche Assistenz. Sie ermöglicht es Menschen mit Unterstützungsbedarf, selbstständig zu leben, zu arbeiten, zu studieren und aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. In vielen europäischen Ländern ist sie ein fest etablierter Bestandteil des Sozialsystems.
In Polen basiert die persönliche Assistenz häufig auf zeitlich begrenzten Projekten. Die Finanzierung ist unsicher und abhängig von befristeten Programmen. Sobald die Mittel erschöpft sind, endet oft auch die Unterstützung. Diese Instabilität führt zu Unsicherheit bei den Betroffenen und verhindert langfristige Lebensplanung.
Selbst dort, wo Assistenz angeboten wird, sind die bewilligten Stunden häufig unzureichend. Regionale Unterschiede und bürokratische Hürden erschweren zusätzlich den Zugang. Das Ergebnis ist ein System, das auf dem Papier existiert, in der Praxis jedoch den tatsächlichen Bedarf nicht deckt.
Wenn staatliche Unterstützung fehlt oder nicht ausreicht, übernehmen Angehörige die Hauptverantwortung für die Pflege. Familien werden zum tragenden Pfeiler des Systems – oftmals auf Kosten ihrer eigenen beruflichen Entwicklung, finanziellen Stabilität und psychischen Gesundheit.
Pflegende Angehörige leisten täglich anspruchsvolle und belastende Arbeit. Die finanzielle Unterstützung ist jedoch häufig gering, und umfassende Entlastungsangebote fehlen. Viele Betroffene sehen sich gezwungen, ihre Erwerbstätigkeit einzuschränken oder ganz aufzugeben.
Die tägliche Pflege bedeutet nicht nur körperliche, sondern auch emotionale Belastung. Ohne systematische Unterstützung bleiben Familien oft allein mit dieser Verantwortung. Ihre Leistung ist für das Funktionieren des Systems unverzichtbar – wird jedoch gesellschaftlich und politisch nur begrenzt anerkannt.
Immer mehr Fachleute und Organisationen fordern ein Umdenken in der Investitionspolitik. Öffentliche Mittel sollten vorrangig in gemeindenahe Dienstleistungen und individuelle Unterstützungsangebote fließen, statt institutionelle Strukturen weiter auszubauen.
Der Ausbau persönlicher Assistenz, ambulanter Dienste und unterstützter Wohnformen sollte Priorität haben. Diese Lösungen fördern Selbstbestimmung, soziale Integration und Lebensqualität.
Eine nachhaltige Reform bedeutet, klare Grenzen für Investitionen in institutionelle Pflege zu setzen und den Fokus auf Unterstützungsmodelle im eigenen Zuhause zu legen. Es geht nicht nur um finanzielle Effizienz, sondern um eine gesellschaftliche Entscheidung: Stehen Gebäude im Mittelpunkt – oder die Menschen, für die das System geschaffen wurde?
Die Zukunft der Sozialpolitik sollte nicht an renovierten Fassaden gemessen werden, sondern an der tatsächlichen Verbesserung der Lebensbedingungen der Betroffenen.
Februar 13, 2026