Trotz der vergangenen Jahre und erheblicher Mittel aus EU-Fonds gelingt es Polen weiterhin nicht, Menschen mit Behinderungen ein unabhängiges und würdiges Leben zu ermöglichen. Die neuesten Berichte für das Europäische Parlament zeigen deutlich, dass das Unterstützungssystem noch immer stark auf institutionelle Betreuung ausgerichtet ist, anstatt auf gemeindenahe Lösungen zu setzen, die eine aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.
Theoretisch wird seit Jahren über die Notwendigkeit der De-Institutionalisierung gesprochen, also über den schrittweisen Übergang von großen Pflegeeinrichtungen hin zu lokaler Unterstützung, betreutem Wohnen und sozialen Dienstleistungen im Wohnumfeld. In der Praxis verlaufen diese Veränderungen jedoch sehr langsam, und viele Menschen bleiben weiterhin vom gesellschaftlichen Leben isoliert und ohne echte Möglichkeit zur Selbstständigkeit.
Statistiken zeigen das Ausmaß des Problems. Die Zahl der erwachsenen Polen in Pflegeeinrichtungen ist stark gestiegen – von 34.000 im Jahr 2012 auf fast 64.000 im Jahr 2022. Dieser Anstieg deutet darauf hin, dass das System statt Unabhängigkeit zu fördern, immer häufiger auf institutionelle Unterbringung setzt.
Experten betonen, dass dieser dynamische Anstieg nicht nur auf die Alterung der Gesellschaft zurückzuführen ist. In hohem Maße ist er auch eine Folge fehlender Alternativen – etwa häuslicher Pflege, persönlicher Assistenz oder betreuter Wohnformen. Für viele Familien bleibt die Unterbringung in einer Einrichtung die einzige realistische Möglichkeit.
Bereits 2018 wies der UN-Ausschuss Polen auf den mangelnden Fortschritt im Prozess der De-Institutionalisierung hin. Damals wurde die Notwendigkeit schneller Reformen und der Aufbau eines Systems betont, das ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft unterstützt.
Laut aktuellen Analysen hat sich die Situation bis 2026 nicht wesentlich verbessert. Trotz Strategien, Programme und politischer Ankündigungen verläuft die Umsetzung konkreter Maßnahmen nur schleppend. Viele Menschen bleiben weiterhin in einem System, das eher isoliert als integriert.
Die schwierige finanzielle Lage vieler Menschen aus sogenannten vulnerablen Gruppen verschärft das Problem zusätzlich. Rund die Hälfte von ihnen lebt unterhalb der Armutsgrenze, was ihre Möglichkeiten zu einem selbstständigen Leben erheblich einschränkt.
Wohnkosten verschlingen im Durchschnitt etwa 40 % ihrer ohnehin geringen Einkommen. Dadurch sind selbst Menschen, die teilweise selbstständig leben könnten, oft nicht in der Lage, außerhalb von Einrichtungen zu wohnen. Viele landen daher nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Mangel an Alternativen in Pflegeinstitutionen.
Niedrige finanzielle Unterstützung und ein begrenzter Zugang zu sozialen Dienstleistungen führen dazu, dass ein unabhängiges Leben für viele nur Theorie bleibt. Ohne stabile wirtschaftliche Grundlagen ist echte Wahlfreiheit kaum möglich.
Experten warnen zudem, dass der Staat die Situation von Menschen in Pflegeeinrichtungen nicht ausreichend überwacht. Es fehlt ein kohärentes System zur Datenerhebung, zur Bewertung der Lebensqualität und zur langfristigen Kontrolle der Wirksamkeit von Unterstützungsmaßnahmen.
Ohne verlässliches Monitoring ist es schwierig zu beurteilen, welche Bedürfnisse die Bewohner tatsächlich haben und ob die angebotene Unterstützung ihre Lebenssituation verbessert. Dies erschwert echte Reformen und führt dazu, dass der bestehende Zustand fortbesteht.
Infolgedessen befindet sich Polen seit Jahren in einem strukturellen Stillstand. Trotz verfügbarer Mittel, Berichte und internationaler Empfehlungen leben Menschen mit Behinderungen weiterhin zu oft am Rand der Gesellschaft, während das Betreuungssystem sie noch immer eher isoliert als ihre Unabhängigkeit zu fördern.
Februar 9, 2026